Medical Humanities

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Medical Humanities an der Charité

Das Feld der Medical Humanities (Med. Hum.) ist verwirrend und schwer abzugrenzen. Es gibt seit Jahrzehnten Versuche der Definition und Modelle der Implementierung in die universitäre Ausbildung. Bezeichnet der Begriff  also ein Sammelsurium für eine diffuse Vielfalt in der medizinischen Ausbildung?
 
Mit diesem Gebiet wird häufig die Hoffnung verknüpft, Defizite einer technisierten Medizin zu überwinden sowie sozialen und kulturellen Implikationen des Krankseins besser gerecht zu werden. Davon zeugen seit Jahren die zahlreichen Artikel, die zu diesem Thema weltweit publiziert werden, besonders in der sich im Besitz des „Britisch Medical Journals“ befindlichen Zeitschrift „Medical Humanities“.
 
Wie die Akademien der Wissenschaften der Schweiz 2014 zu den Med. Hum. ausgeführt haben, gibt es eine zweifache Verschränkung von Medizin und Gesellschaft. 1) Die Medizin selbst als ein Teilsystem der Gesellschaft wird in einem jeweils spezifischen historischen, sozio-ökonomischen und kulturellen Kontext von verschiedenen Akteuren gestaltet. 2) Der Gegenstand der Medizin, also das, was unter Krankheit und Gesundheit verstanden wird, ist sozio-kulturell bestimmt und schließt die psychologische, anthropologische, soziale, kulturell-künstlerische, historische, ökonomische, spirituelle und wissenschaftliche Dimension stets ein. Die Med. Hum. repräsentieren demgemäß einen transdisziplinären geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansatz in der Lehre und Forschung, um die menschlichen Erfahrungen mit Krankheit, Behinderung und medizinischer Intervention auf neue Weise zu erfassen. Sie ermöglichen ein differenziertes Verstehen und sollen helfen, bislang nicht genutzte Ressourcen im Umgang mit Krankheit und Kranksein zu erschließen.

Die Diskussion über die Med. Hum. ist in Deutschland wenig entwickelt. Dies mag daran liegen, dass es seit 2004 im Medizinstudium einen Querschnittbereich „Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ gibt und Medizingeschichte und Bioethik wesentliche Bereiche der Med. Hum. sind. Doch reichen Ansatz und Ziel der Med. Hum. sehr viel weiter. So soll z.B. auch die Herausbildung von ärztlichen Haltungen unterstützt werden, die die Patientinnen und Patienten in ihrer subjektiven Verfasstheit und Krankheitserleben besser zu berücksichtigen verstehen, was gerade in Anbetracht der Herkunft von Patientinnen und Patienten aus verschiedenen Kulturen vorteilhaft ist. Diese Ziele können im Rahmen einer sich allein an naturwissenschaftlicher und technisierter Medizin orientierenden Ausbildung nicht erreicht werden

Einen Weg in diese Richtung zeigt z.B. der narrative Ansatz innerhalb der Med. Hum.: Patientinnen und Patienten und /oder Angehörige werden ermutigt, ihre Lebens- und Krankheitsgeschichte detailliert, teilweise mit Unterstützung, aufzuschreiben. So aktualisieren sich alle Ebenen des Umgangs mit dem Kranksein (Gedanken, Gefühle, Bedeutungen, Empfindungen, Haltung usw.). Indem eine schriftliche Narration der Lebensereignisse entsteht, wird aus der sprachlosen Person im Umgang mit der eigenen Krankheit ein Akteur, dessen besondere Biographie und Identität auch vom medizinischen Personal gewürdigt werden kann.

An der Charité besteht seit einigen Monaten eine von der Friede Springer Stiftung finanzierte Stiftungsgastprofessur, die zwei Aufgaben hat. Erstens geht es um die Implementierung der Inhalte der Med. Hum. ins Curriculum des Modellstudiengangs Humanmedizin und in die verschiedenen Qualifikationswege der Lehrenden. Zweitens wird durch die Mitarbeit im Projekt „GeDenkOrt Charité“ in Kooperation mit der Universität der Künste durch die Einrichtung von Erinnerungsorten auf dem Campus Mitte, mit Hilfe künstlerischer Gestaltungen und Veranstaltungen der Weg zu einer Medizin in Verantwortung beschritten, zu der auch die Med. Hum. beitragen.

Professor Dr. med.
Heinz-Peter Schmiedebach